Das kühle und verregnete Ende einer langen Reise

So wie uns Vietnam verabschiedete, so begrüßte uns China. Unsere letzte Station auf der Reise sollte nicht nur kühl und grau werden, sondern auch kürzer als wir ursprünglich gedacht hätten. Auf dem Plan standen die letzten 3200km. Es war schön mal keinen Bus nehmen zu müssen, um die  chinesische Grenze zu überqueren, wie es zu den Grenzen nach Zentralasien üblich ist. Jedoch mussten wir erneut eine flughafenähnliche Kontrolle passieren. Seit knapp zwei Wochen hatten wir keine Sonne mehr gesehen und so sollte es erstmal bleiben.

Die ersten Kilometer in China konnten wir noch auf einem Highway fahren, bevor wir auf eine der vielen größeren Bundesstraßen ausweichen mussten. Die G322 führte uns durch ein China, welches wir noch nicht kannt. Große Städte waren auf den ersten 250km fehlanzeige. Es ging von einem Dorf ins nächste, ein wirklich einfaches Leben bestreiteten die Menschen dort und waren sehr überrascht unsere Gesichter zu sehen. Offensichtlich kommen nicht so viele westliche Touristen in diese Gegend.  So wurden wir meißt nur beim Essen beäugt, "Die können mit Stäbchen essen..." oder "was hat der denn für eine lange Nase?!" müssen sie sich des Öfteren gedacht haben.
Generell wurden wir in China anders wahrgenommen als in vielen anderen Ländern zuvor. Wenn wir zu zweit auftauchten, schienen die meißten zu schüchtern zu sein uns anzusprechen. Nur selten wurden wir angesprochen und die Menschen waren nüchtern erstaunt, wenn wir ihnen erzählten von wo wir herkamen.
Wir fuhren an diesem Tag bis in den Sonnenuntergang hinein und hielten in einem kleinen Dorf, wo wir den Tipp bekamen, an der Schule nach einem Nachtplatz zu fragen. Dies taten wir und hatten nach etwas hin und her Glück. Wir konnten in einer unfertigen Wohnung schlafen und bekamen  von den Lehrern Essen. Da an diesem Tag ein Schüler Geburtstag hatte, fiel sogar ein Stückchen Kuchen zum Nachtisch ab. Lehrer scheinen in China nicht so viel zu verdienen, da die Wohnungen aus zwei kleinen Zimmern und einem kleinen Bad bestanden. Einrichtungsgenstände, bis auf einem Esstisch, ein paar Stühlen, einer Vitrine und einem Bett gab es keine. Eine Heizung wird auch nicht für nötig empfunden, stattdessen zieht man sich auch in der Wohnung warm an.
Diese Wohnverhältnisse änderten sich im Laufe der Zeit nicht wirklich. Am zweiten Tag erreichten wir schließlich Nanning, eine Stadt für dessen Durchquerung des Stadtzentrums wir über eine Stunde brauchten. Für chinesische Verhältnisse allerdings nicht mehr als eine Kleinstadt. Wir fuhren weiter, ließen den Industrie-Gürtel hinter uns und fuhren in eine bewaldete Hügellandschaft hinein. Die Ortschaften wurden immer spärlicher und kleiner. Glücklicherweise fanden wir noch gerade rechtzeitig vor der Dunkelheit eine Absteige, welche nicht mehr als ein Loch war, aber es gab warmes Wasser vom Ofen! In diesen Tagen sind nicht nur die Nächte sind immer kälter geworden, auch die Tage wurden zusehends kühler und kühler. Da es nirgens Heizungen gab oder mal jemand daran dachte die Tür zu schließen, hatten wir kaum eine Möglichkeit uns aufzuwärmen. Zu allem übel fing es in der Nacht an zu regnen, und es hörte und hörte nicht auf. Selbstverständlich blieb man in den Regensachen nicht trocken, dafür schwitz man einfach zu viel. Bereits nach einer Stunde waren wir richtig durchgefroren. Die Mittagspause machte es auch nicht besser. Wir mussten uns erstmal was trockenes anziehen, um nicht gänzlich auszukühlen. Gestärkt, aber bibbernd ging es zurück in den Regen.
Gerade an diesem Tag durchquerten wir eine landschaftlich sehr schöne Gegend, nur bekamen wir davon nicht sehr viel zu sehen. Die Wolken hingen so tief, dass die Karstberge von ihnen verborgen wurden bzw. in der Ferne, im Nebel und Regen verschwanden. Bis Liuzhou wagten wir es nicht mehr. Nach 170km wurde es bereits dunkel und wir brauchten dringend einen trockenen Schlafplatz. Ein Chinese war so freundlich und zu helfen. Ein "Hotel" gab es, warm Wasser für die Dusche bekamen wir über einen Tauchsieder und die Klimaanlage im Zimmer ging natürlich nicht. Die Häuser sind wirklich schrecklich gebaut, denn selbst die Bettwäsche war völlig klamm/feucht, so konnte auch nichts über Nacht trockenen.
Da der Regen weiterhin anhielt fuhren wir am nächsten Tag nur bis Liuzhou, suchten uns ein Hotel und verbrachten Silvester dort. Es wurde das ruhigste Silvester, welches wir je erlebt hatten! Am frühen Abend füllte sich die Fußgängerzone, aber eben nur am frühen Abend. Gegen Mitternacht waren kaum noch Menschen auf der Straße. Viele ließen Ballons in die Luft steigen, mit Wünschen, welche draufgeschrieben wurden, geknallt wurde dafür gar nicht. Zwei entfernte kleinere Feuerwerke waren alles was wir vernehmen konnten. Da hatten wir beide von China deutlich mehr erwartet.

Immer noch auf der G322 fuhren wir am 02.01.2016 weiter in Richtung Guilin. In Yongfu wollten wir abermals an einer Schule übernachten, jedoch führte uns der Mandarin Lehrer zu einem Hotel. Er meinte dort sei es doch viel komfortabler als in der Schule. Bei der Einladung ins Hotel sollte es jedoch nicht beiben, denn er ist nicht nur Lehrer, er besitzt auch noch ein Restaurant, wo er uns später zum Essen einlud. Es war schön sich wieder mal auf Englisch unterhalten zu können, denn selbst die jungen Leute sprechen kein Wort Englisch. Er zeigt uns anschließend die Schule und wir beantworteten einige der vielen Fragen einer Schulklasse. Wir hatten einen schönen Abend in der Stadt des ewigen Glücks (Yongfu).
Ausgeruht ging es am Sonntag weiter nach Guilin. Da Björn bereits auf den ersten 20-30km Knieschmerzen bekam, die immer stärker wurden, entschieden wir uns, ein paar Ruhetage einzulegen. Wir besuchten den Elephant Trunk Hill, die Mond und Sonnen Pagoden, sowie das Guilin Theater, in dem es eine kulturelle Vorstellung, bstehend aus Tanz, Gesang und Akrobatik zu sehen gab.
Fünf entspannte Tage halfen dem Knie leider nicht, denn als wir an einem Regentag weiterfuhren ging es nach wenigen Kilometern gleich wieder los. Es sollte ein schwarzer Tag für uns werden. Wir fuhren in ein Krankenhaus, sodass ein Arzt einen Blick auf Björn's Knie werfen konnte. Wie vermutet, konnte er nicht viel machen. Er gab eine Packung Schmerztabletten mit und verschrieb eine Woche Ruhe. Da wir nicht eine weitere Woche in Guilin bleiben wollten, entschlossen wir uns einen Bus nach Huang Shan zu nehmen. Auf dem Weg zum Bahnhof stürzte Jens und prellte sich den Arm. Die Straße bestand an dieser Stelle aus Granitplatten, welche durch den Regen etwas rutschig waren. Bevor wir in den Bus stiegen, wurde uns gesagt, dass es keine direkte Busverbindung gibt und wir erst nach Wuhan fahren müssen. Neun Stunden später wurden wir 30km vom Zentrum, um 2 Uhr am Morgen bei 4°C an einer kleinen Autobahnraststätte rausgeschmissen. Nur gut, dass wir unsere Räder haben, so kamen wir von dort in die Stadt.

Nach zwei Tagen Zwischenstopp ging es mit dem Bus weiter nach Huang Shan. Dieser absolut touristische Ort ist der in der Nebensaisson ziemlich ausgestorben. Zumindest bekamen wir so ein Zimmer zu einem akzeptabelen Preis. Wir schauten uns zunächst die Stadt etwas an, in der es allerdings nicht viel zu sehen gibt, zumindest ist sie in der Nacht schön beleuchtet, gerade entlang des Flusses. Die wirkliche Attration sind die gelben Berge, eine Autostunde nördlich. Die meißte Zeit im Jahr hängen Wolken in den Bergen, weshalb einem eine freie und klare Sicht oft verwehrt bleibt. Wir sollten allerdings Glück haben. Es war eine kühle Nacht und ein wunderbar sonniger Morgen am Huang Shan selber. Wir nahmen den östlichen Aufstieg von Tangxi. Was wir sahen, war beeindruckend und wunderschön, wie man es sich von den chinesichen Zeichnungen vorgestellt hat. Die Wanderwege sind wunderbar ausgebaut, zudem gibt es für die Fußfaulen jeweils eine Gondel auf der Ost- und Westseite der Berge, die einen auf ca. 1400m hinauf bringt. Viele bleiben für eine Nacht oben, um den Sonnenuntergang und -aufgang zu beobachten. Die Wetterlage war jedoch nicht stabil genug, bereits zum Mittag zogen Wolken rein und versperrten die Sicht. Wir waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Rückweg, da wir bereits alles abgelaufen sind. Der Abstieg zog sich ziemlich in die Länge und wir waren ganz schön kaputt, als wir wieder unten ankamen. Am darauffolgenden Morgen hatten wir beide extremen Muskelkater in den Waden und hatten teils Schwierigkeiten zu laufen. Es brauchte ein Paar Tage um sich zu lösen.
Björns Knie wollte patu nicht besser werden, weshalb Jens am 19.01. alleine aufs Rad stieg und die letzten 1300km nach Peking in Angriff nahm.

Die Straße führte gen Norden und so musste Jens nochmal durch die gelben Berge. Nach einem guten Mittagessen, hat sich seine Kette auf der Straße lang gemacht. Durch die gerissene Kette sollte er jedoch Alec, ein englisch Lehrer der selbst sehr viel Rad fährt, kennenlernen. Er begleitete Jens für zwei Stunden, bevor er wieder umdrehte. Kurz vor Sonnenuntergang fand Jens ein einfaches Zimmer in Jingxian. Die Sprachebarriere stellte kaum ein Problem dar. Am nächsten Tag ging es durch Wuhu und einem riesigen Stadtgebiet nach Ma'anshan . Zum Abend hin begann es stark zu schneien und am Morgen war alles unter einer 5cm dicken Schneedecke bedeckt. Einen Winterdienst gibt es nicht, aber es hatte 1°C und somit taute es. Als Jens das 40km entfernte Nanjing erreichte, lag bereits kein Schnee mehr, da es dort erst garnicht geschneit hatte. Die Stadtdurchfahrt war anstrengend, da es fast den ganzen Tag in Anspruch nahm. Begonnen hatte es eigentlich bereits vor Wuhu und erst 60km hinter Nanjing verließ er die Metropolregion. Nach harter Verhandlung fand er in Chajianzhen ein günstiges Zimmer. Da der Sohn, Little Wang, englisch Sprach war dies erst möglich. Letztlich wurde er zum Essen eingeladen, da es für die chinesen Brauch ist, besondere Gäste zu bewirten. Die immer kälter werdenden Temperaturen und der kontinuierliche Gegenwind machten Jens sehr zu schaffen und führten letztlich dazu, dass auch seine Knie zu schmerzen begannen. In Huai'an angekommen war klar, dass auch er die Reise nicht weiter fortsetzen konnte, da er kaum noch laufen konnte.
In den folgenden Tagen sollte der kälteste Winter seit Jahrzehnten China in Griff halten. Björn war in der Zwischenzeit nach Shanghai gefahren und traf dort einen Freund aus Deutschland, den er bei seinem letzten Pekingaufenthalt kennengelernt hatte. Nach fünf Tagen hatte der Winter China wieder freigegeben, woraufhin Björn und Jens einen Bus nach Peking nahmen.

Am 29.01.2016 erreichten wir Peking und beendeten unsere Radtour ans andere Ende der Welt auf dem Tianmen-Platz. Es sind, seitdem wir das Brandenburger Tor und Berlin verlassen haben, 321 Tage vergangen und wir haben mehr als 17.000km zurückgelegt. Wir sind stolz auf das was wir gemeinsam geschafft haben. Letztlich sind wir mit dem Fahrrad von Berlin nach Peking gefahren.

Höhenprofil: Pingxiang - Peking

3555.4 km, 33d 00:46:20

Thailand, Laos, Vietnam - ein kurzes Intermezzo

Mit unserer Ankunft in Thailand hatten wir beide das Gefühl wieder voll und ganz in der Zivilisation zu sein. Verglichen mit Myanmar wirkt Thailand deutlich moderner und wohlhabender.
Nach der Ausreise aus Myanmar wurden wir geschickt auf die linke Fahrspur gelenkt, es herrscht abermals Linksverkehr. In Thailand mussten wir uns zunächst an einer sehr, sehr langen Schlange anstellen. Irgendwie wollten alle wieder zurück. Kurze Zeit nach uns trafen noch zwei weitere Radfahrer aus Thailand an der Grenze ein. Dank ihnen und unserem Touristenbonus konnten wir uns ebenfalls etwas vor mogeln. Vun, einer der Radfahrer, wohnt in der Nähe von Mae Sot. Er führte uns zu seinem Freund Tock, bei dem wir die Nacht verbringen durften. Tock kam ebenfalls erst vor 5 Tagen von einer kleinen Tour durch Myanmar zurück. Wir bekamen nicht nur ein bequemes Bett bei ihm, bekocht hatte er uns auch noch. Die drei waren nicht die einzigen Radfahrer in Thailand, dort fuhren erstaunlicherweise sehr viele Menschen aktiv Rad.
Gut erholt begaben wir uns am Samstag auf die kurze Reise durch Thailand. Die Straßen waren erstklassig, allerdings bekamen wir es auf den ersten Kilometern bereits mit steilen Anstiegen zu tun, entschärft wurde dort nicht viel. Durch dichten Nebel bzw. extrem tief hängende Wolken kämpften wir uns auf die andere Seite der Bergkette nach Lan Hoi. Dort ließen uns die Mönche erneut im Tempel schlafen, allerdings war ihre Mentalität eine andere, als wir es bisher erfahren haben. Sie waren eigentlich gar nicht an uns interessiert und wollten nicht mal einen Happen Essen mit uns teilen, obwohl es Essen im Überfluss gab. Zuvor war dies immer die erste Frage, „Seit ihr hungrig, wollt ihr was essen?“ Aber es gab im Dorf genügend Auswahl. Wir waren froh einen Schlafplatz zu haben und nicht befürchten zu müssen, dass die Polizei einen ins Hotel stecken will. Bis zu den nächsten Bergen gab es nur eine Flachetappe, am Enden jener hat uns Keonapha zu einem kleinen Tempel geführt und für das Abendessen zu sich eingeladen. Die Rentnerin ist selbst noch viel Unterwegs und bis auf einen Sohn, der in Singapur lebt, lebt der Rest der Familie in den USA, wo sie selber 40 Jahre gelebt hatte. Ihre Rente möchte sie lieber in ihrer alten Heimat verbringen, wo es sich gut leben lässt. Keonapha empfiehl uns eine nördliche Route nach Laos und nicht die Strecke über den Highway. Da wir in beiden Fällen durch Berge fahren müssen, entschieden wir uns für die nördliche, die vermeintlich ruhigere Route. Schön war sie alle mal und zum Glück etwas weniger steil als noch nahe Mae Sot. Landschaftlich gab es allerdings keine wirklichen Veränderungen. Es sah immer noch genau so aus wie in Myanmar, nur etwas weniger Pagoden.

Nach 5 Nächten war unsere Reise durch Thailand bereits beendet. Am 16.12. begaben wir uns nach Laos und versuchten ein letztes Mal die verbliebenen Kyats zu tauschen, vergeblich. Das Wetter hatte sich in Laos urplötzlich verändert. Es war deutlich kühler und ein kräftiger Ostwind blies uns ins Gesicht. Das Radfahren wurde etwas öde, denn viel gab es nicht zu sehen. Die Landschaft wird von gerodetem Urwald und teils bewirtschafteten Feldern bestimmt, was such zum Glück ab Pakkading änderte. Wir übernachteten erneut in einem Tempel, dieses Mal direkt am Mekong, mit Blick auf Thailand. Die lange Weile sollte am darauffolgenden Morgen eine Ende haben. Zunächst begegneten wir einem französischem Pärchen, die wir noch bis kurz vor Nam Theun begleiteten und auch Karstberge taten sich um uns herum auf. Samstag erfolgt dann der nächste Grenzübergang.

Wir folgten dem Ursprung des eisigen Ostwindes und wagten uns erneut in die tief hängenden Wolken. Mit Sonnenschein war es endgültig vorbei. Das Tief, welches bereits seit Wochen über Vietnam hing, war immer noch da. Nass kalt ging es in die Abfahrt nach Pho Chau, wo wir Tim aus England begegneten. Wie es der Zufall wollte, ist er auf seinem Heimweg, über Myanmar. So konnten wir doch noch die restlichen Kyats eintauschen. Tim warnte uns vor dem üblen Verkehr in Vietnam, welcher sich als der schlimmste bisher herausstellen sollte. Mehr als Dunst, Smog, Wolken und Krippenspiele bekamen wir nicht zu Gesicht. Es war erstaunlich wie viele Krippenspiele für die Weihnachtstage aufgebaut wurden. In den Kirchen konnten wir dennoch nicht übernachten. Hier bekamen wir den Kommunismus erstmals so richtig zu spüren. Kirchen stehen in Vietnam unter besonderer Beobachtung und gerade an diesen einem Abend schaute die Polizei vorbei und bemerkte uns beide, da die Zimmertür offenstand. So mussten wir um 22 Uhr die Herberge in der Kirche verlassen. Bis Tinh Gia waren es zum Glück nur 5km. Dort trafen wir auf den Sportlehrer Cám, der mit Freunden etwas feierte und leicht betrunken war. Schwankend nahm er uns mit zu sich nach Hause, wo seine Schwiegermutter die Tür öffnete. Wir konnten die Nacht bei seiner Familie bleiben, was äußerst freundlich war. So richtig nüchtern war er am nächste Morgen noch nicht, allerdings musste er an diesem Tag nur als Schiedsrichter bei einem Turn-Turnier fungieren. In Phu Ly versuchten wir es ein letzten Mal in einer Kirche zu übernachten. Der Vater kannte die Situation allerdings und musste uns leider ein „Nein“ geben. Ihm tat es sehr leid, dass er uns nicht bleiben lassen konnte, was keines Wegs seine Schuld war, dennoch bestand er darauf uns ein Hotel zu bezahlen. Die warme Dusche fanden wir sehr angenehm und da Phy Lu etwas größer war, bekamen wir auch noch nach Sonnenuntergang etwas zu essen. In Thailand und Laos hatten wir sonst das gleiche Problem, dass wir schnell sein mussten, denn um 18 Uhr hatte bereits fast alles geschlossen.
Der 22.12. sollte dann nur noch ein kurzer, aber feuchter Tag werden. Hanoi war nicht mehr weit und zudem hatten wir einen LKW erwischt, der uns Windschatten bot und all die kleinen, lästigen Mopeds aus dem Weg räumte, die uns sonst so gern beträngten. In Hanoi waren wir wieder auf uns alleine gestellt und mussten tierisch aufpassen, denn sie kamen von überall und fuhren in alle Richtungen. Mit dem Gucken haben sie es nicht so - warum man in Vietnam zur Fahrschule gehen muss ist uns ein Rätsel geblieben.
Wir erreichten das Stadtzentrum bereits nach zwei Stunden, verbrachten aber nochmals über eine Stunde um ein Hotel zu finden. Die Weihnachtsflüchtlinge aus aller Welt sorgten für ausgebuchte Hotelzimmer, was es zusätzlich erschwerte. Vor Heiligabend mussten wir lediglich einen neuen Reifen für Björn organisieren. Nachdem Jens bereits auf den Ersatzreifen wechseln musste, hatten wir keinen weiteren übrig. 16.000km waren alles, was wir aus den Hinterreifen herausholen konnten. Es gibt einige Radläden in Hanoi, nur bekommt mein bei den meisten nur chinesische Reifen, welche nicht sehr vielversprechend aussahen. Im THBC Fahrradladen wurden wir fündig und bekamen einen Schwalbe Reifen.
Die Feiertage in Hanoi waren eine neue Erfahrung. Zwar gab es etwas Weihnachtsbeleuchtung, richtig gefeiert wurde es allerdings nicht, zumindest nicht so, wie wir es erwarten würden. Die Straßen waren voll mit Menschen. Durch die Fußgängerzonen konnte man sich kaum bewegen und tausende Mopeds sorgten für Stau in der gesamten Altstadt. Zu Hause blieb an diesem Abend anscheinend niemand.

Mit dem Ende der Weihnachtszeit, endete leider auch die warme Jahreszeit für uns, früher als erwartet. Am 26.12. verließen wir das warme Hotel und durften gleich mal Stunden lang durch den strömenden Regen fahren. Ein Familie unweit von Lang Son ließ uns glücklicherweise bei sich übernachten und bot uns eine warme Dusche an, die wir mehr alles alles anderer ersehnten. So gut die Regensachen die Nässe von Außen auch abhalten, so wenig kann die Feuchtigkeit von Innen weichen, weshalb man nach kürzester Zeit klitschnass ist und das Frieren beginnt. In trockene Sachen eingemummelt aßen wir eine heiße Suppe und setzten uns anschließend gemeinsam mit der Familie ums Feuer, wo wir den letzten Abend in Vietnam ganz entspannt ausklingen ließen.

Höhenprofil: Mae Sot - Lang Son

1575.5 km, 15d 02:37:36

Im Land der Pagoden

Weiterhin als Atheisten unterwegs, reisten wir am Morgen des 22. Novembers in Myanmar ein. Die letzten indischen Rupien tauschten wir in einem kleinen Laden gegen Kyats ein. Anschließend holten wir uns den Ausreisestempel der Inder, bevor es über eine kleine metallene Brücke nach Myanmar ging. Wie so oft war es eine sehr kleine Grenze, sodass die Beamten erst 10min später mit dem Motorrad ankamen, nachdem ihnen Bescheid gegeben wurde.

Da es mittlerweile bereits später Vormittag war, suchten wir umgehend ein Restaurant auf. Die burmesische Küche hielt, was uns von anderen Reisenden versprochen wurde. Der thailändische Einschlag, bzw. die Ähnlichkeit der Gerichte war sofort zu spüren. Es gab viel frisches, so gönnten wir uns erst mal eine leckere Nudelsuppe. Gestärkt begaben wir uns dann auf unsere ersten 100km durch Myanmar. Landschaftlich sollte sich zunächst nicht viel verändern. Wo nicht gerodet wurde, stand noch dichter Dschungel, aber dominiert wurde die Landschaft von Plantagen jeglicher Art. Die Behausungen der Menschen waren sehr einfach. Es waren vor allem Holzhäuser, welche teils auf Pfählen errichtet wurden. Es war alles in allem ein sehr ruhiger Tag, mit wenig Verkehr auf der recht schmalen Straße. Mit dem Sonnenuntergang steuert wir den nächstgelegenen Tempel an, welcher gleichzeitig auch eine Schule war und von vielen jungen Mönchen bewohnt wurde. Sie waren so nett und gewährten uns umgehend Zuflucht. Zudem servierten sie uns ein einfaches Abendbrot aus Reis, Soße mit Gemüse und Ei sowie viel Fisch.

Es war ein guter Start in Myanmar, denn wir wurden nicht von der Polizei aufgesucht und konnten eine ruhige Nacht im Tempel verbringen. Offiziell müssen Touristen in Hotels übernachten, alles andere ist ausdrücklich untersagt. Im Norden von Myanmar scheint es noch nicht so ein Problem zu sein, aber ab Monywa und südlich von Mandalay schien die Polizei, bzw. Beobachter in den Dörfern, die der Polizei Bescheid geben, aufmerksamer zu sein. Dazu später mehr.
Zunächst waren wir einen weiteren Tag im Norden, abseits von touristisch interessanten Orten unterwegs, denn wir fuhren erneut durch Niemandsland, auf der „neuen“ Straße von Kalewa nach Monywa. Diese war alles andere als neu. Es war die bisher grausigste Straße auf unsere Tour und nicht nur 40km, wie uns gesagt wurde, am Ende waren es über 100km. Jedenfalls kein Ort an den die Polizei kommen würde, denn Hotels gab es dort sowieso weit und breit keine. So schliefen wir in einem Restaurant auf der Bank. Zum Glück hatte unser Leiden am darauffolgenden Vormittag ein Ende. Nachdem wir die Horrorstraße hinter uns ließen, galt es nur noch Steigungen von 8-10% über 20km zu überwinden, bevor es endlich entspannter wurde. Dies markierte auch einen kräftigen Wandel in der Landschaf. Es wurde zusehends trockener und so sollte es bis Mawlamyine bleiben.

In Monywa konnten wir einige burmesischen Köstlichkeiten ausprobieren, bevor wir erneut Zuflucht in einem Tempel suchten. Dieses Mal bekam die Polizei Wind von unsere Anwesenheit, denn wir wurden verpfiffen. Allerdings konnte man mit ihnen Reden und die Anwesenheit einiger Nachbarn half wohl, sie davon zu überzeugen uns bleiben zu lassen.

Mandalay war für uns dann nur noch ein Tagesausflug entfernt. Die erste wirklich große Stadt in Myanmar, wo wir auch gleich die überteuerten Hotels kennenlernten. Unter $10 ist es sehr schwer etwas zu finden und viel Komfort sollte man dann auch nicht erwarten. In Indien könnte man ein gleichwertiges Zimmer für $2 bekommen. Nichts desto trotz kam uns der Ruhetag sehr gelegen. Wir schauten uns einige der vielzähligen Tempel an und warteten auf dem Mandalay-Berg auf den Sonnenuntergang, so wie viele, viele andere Touristen. Man bekam einen tollen Blick auf die Stadt und den alten Königspalast im Zentrum, sowie dem Irrawaddy Fluss. Mit knurrenden Mägen begaben wir uns erneut die zahllosen Stufen hinab und schlenderten durch die Stadt zurück zu unserem Hotel. Wie es der Zufall wollte, war an diesem Abend Vollmondfest. Auf der Straße wurde einfach Essen zubereitet und an jeden ausgegeben der hungrig war oder Appetit hatte. Da ließen wir uns selbstverständlich nicht zwei Mal bitten. Am 27.11. ging es wieder auf die Straße, weiter nach Bagan, die Hochburg der Pagoden. Nach dem schweren Erdbeben in den 1970er Jahren, wurden viele der noch bestehenden 2000 Pagoden beschädigt, allerdings sind fast alle zugänglich. Ein 5-Tages-Ticket für den Pagoden-Park kostet $20 pro Person und solange das Geld in die Restaurationsarbeiten geht, zahlt man das doch gerne.

Von Bagan aus ging es weiter durch die eher trockene Landschaft, bei recht großer Hitze. Es sollte erst einmal der letzte gemeinsame Tag werden. Wir fanden erneut in einem kleinen Tempel mit drei Mönchen Unterschlupf, die uns sehr gut umsorgten. Jens hatte sich eine Erkältung eingefangen und so fuhren wir am 30.11. noch gemeinsam nach Meikhtila, von wo aus Jens mit dem Bus nach Mawlamyine vor fuhr, um seine Erkältung richtig aus kurieren zu können. Björn fuhr die 660km mit dem Rad, allerdings blieb auch Björn nicht verschont, am dritten Tag räumte es ihn so durch, dass auch er zunächst einen Ruhetag brauchte, bevor er die letzten zwei Tage nach Mawlamyine antreten konnte und Jens wieder traf. Dort verbrachten wir noch weitere sechs Tage, in denen wir unter anderem den Setse Beach besuchten und ein Bad im warmen Meer nahmen. Es war ganz nett mal nichts zu tun, ein sauberes Zimmer zu haben, Zuckerrohrsaft trinken zu können und den ein oder anderen Spielfilm im TV zu gucken.

Weitestgehend erholt und gestärkt brachen wir am 11.12. vom südlichsten Punkt unserer Reise auf zur thailändischen Grenze. Es waren anstrengende 140km, aber zumindest auf den letzten 50km zur Grenze bekamen wir bereits einen Vorgeschmack auf die erstklassigen Straßen in Thailand. Solch guten Asphalt hatten wir selbst in Europa nicht gehabt, allerdings waren die Anstiege kein bisschen sanfter und zumeist 8% steil. Wir schafften es noch bis zum späten Nachmittag an die Grenze und verließen noch am gleichen Tag Myanmar, ein Land das uns ganz gut gefallen hat und definitiv interessant war.
Neben dem einen anstrengenden Abend mit der Polizei, hatten wir immer tolle Begegnungen mit den Mönchen und Einheimischen. Ein Problem gab es jedoch immer und das war die Kommunikation. Selbst mit Händen und Füßen war es sehr schwierig sich verständlich zu machen. Irgendwie konnten wir ihnen zwar mitteilen wo wir herkamen, aber meistens haben sie nicht verstanden, dass wir ausschließlich mit dem Fahrrad reisen. Vielen, dass haben wir bereits öfter bemerkt, fehlt die Vorstellung für die Entfernung und das geographische Wissen. Zu verschieden sind unsere Welten und Denkweisen, obwohl ihnen die westliche Welt nicht verschlossen ist. Smartphones erblickt man in allen Händen und auch die Mönche scheinen sich mehr auf Facebook herum zu treiben, als sich dem Meditieren oder der Lehre zu zuwenden.

Höhenprofil: Tamu - Mae Sot

1615.4 km, 19d 10:11:28

Nagaland und Manipur im Schnelldurchlauf

Die Nacht in Dimapur war nicht die letzte in einer Einrichtung von Don Bosco, viele sollten jedoch nicht mehr folgen. Bevor wir das „wirkliche“ Nagaland erreichen konnten, die Region, wo die so viele verschiedene Stämme leben, mussten wir einen langen Anstieg aufnehmen. Die Briten scheuten sich lange in diese Regionen vorzustoßen, erst mit dem Eintreffen der Japaner mussten sie in den hohen Bergen Nagalands Stellung beziehen. In Kohima steht ein Denkmal, welches an die entscheidende Schlacht zum Ende des 2. Weltkrieges erinnern soll. Leider sind wir irgendwie dran vorbeigefahren, wir haben es wirklich nicht gesehen, etwas schade. Die gesamte Ortschaft liegt auf einem langen Bergkamm und bietet beste Sicht in alle Himmelsrichtungen. Trotz seiner Größe, ist Kohima lediglich ein Dorf, denn es wird nicht als Stadt anerkannt, warum wissen wir nicht, aber was wir wissen ist, dass die Nagas ebenfalls Unabhängigkeit wollen, ebenso wie Manipur.
Rein geografisch war es ein sehr kurzer Besuch in Naganland, denn bereits 30km von Kohima, in Mao, überquerten wir die Provinzgrenze zu Manipur. Die Menschen haben sich selbstverständlich nicht so schnell verändert. Die charakteristischen Festplätze sahen auch hier identisch aus. Zudem schienen die Menschen sehr ähnliche Ansichten zu haben und waren ebenfalls sehr nett. Uns wurde immer wieder etwas über die heimischen Stämme erzählt, über die politische Situation und welche Orte wir unbedingt besuchen sollten.

Die letzten Tagen im North East Frontier von Indien haben unseren bisherigen, äußerst positiven Eindruck nur bestätigt. Neben den vielen herzlichen Menschen genossen wir die eindrucksvolle Landschaft, welche aus besonders dichten Dschungel in niedrigeren Lagen bestand. Die Berge erinnerten einen mit ihrem Misch- oder Kiefernwald eher an Europa.
In Imphal hatten wir zum letzten Mal das Vergnügen in einer Schule von Don Bosco zu nächtigen und wurden wie immer liebevoll umsorgt. Ein Vater leitet ein Herberge für Highschool Schüler. Er bat uns am kommenden Morgen vorbeizukommen und uns vorzustellen. Dies taten wir natürlich sehr gerne. Die Schüler hatten sich alle aufgereiht und begrüßten uns mit Applaus. Anschließend stellte der Vater uns vor und erzählte ihnen was wir taten, bevor sie uns ein Lied sangen. Der Vater hatte sich Gedanken gemacht was er uns mit auf den Weg mitgeben könnte und so bekam jeder von uns eine Rose, sowie ein sehr leichtes Gesichtstuch.

Es war ein schöner Abschied aus Indien. Denn es lagen nur noch 110km vor uns. Lange Zeit mussten wir uns durch sehr dichten und tief hängenden Nebel kämpfen, welcher sich wie eine Wand vor uns aufbaute. Später konnten wir wieder die wunderschöne Aussicht über die tiefgrünen Berge und die weit entfernten Reisfelder genießen. Es war ein ordentlichen Anstieg zum 1518m hohen Senam Pass. Ebenfalls ein Ort der Historie, denn auch hier kämpften einst die Briten gegen die Japaner, welche aus Myanmar vorstießen. Die Kontrollpunkte der Polizei häuften sich und es waren die ersten und letzten Male, dass wir in Indien kontrolliert wurden. Auf den letzten Kilometern nach Moreh wurde es immer tropischer. Wo keine Sonne hinkam, war die Straße selbst am späten Nachmittag noch nass wie nach einem Regenschauer. Die Anstiege und Abfahrten waren steil und äußerst kurvenreich, was Spaß machte. Kurz vor Moreh fuhr ein Priester an uns vorbei, der uns spontan in seine Kirche einlud, womit wir nicht einmal einen Schlafplatz suchen mussten. Allerdings war er etwas hartnäckig und konnte nicht wirklich akzeptieren, dass wir Heiden sind. Wir hatten vielmehr den Eindruck als wollte er uns die ganze Zeit bekehren, aber wir hielten stand. Ein abschließender interessanter und etwas anderer Aufenthalt in einer Kirche in Indien. Es war ein wunderbare Zeit, die wir nicht hätten missen wollen.

Höhenprofil: Dimapur - Moreh

308.4 km, 2d 07:12:15

Im vierer Gespann durch Nepal, Bhutan und Indien

Lang, lang ist es her, dass wir Kathmandu und Nepal verlassen haben. In Kathmandu war das Glück ausnahmsweise mal auf unserer Seite. Wir haben nicht nur das Visum für Myanmar bekommen, sondern mit dem China Visum hatten wir großen Erfolg, denn wir bekamen volle drei Monate. Somit brauchen wir uns um nichts mehr kümmern, stattdessen können wir die Zeit vollends genießen und halten wann immer wir wollen.
Am 3. November, nachdem wir das letzte Visum abgeholt hatten brachen wir auf. Es waren nur wenige Tage, bis wir erneut nach Indien kamen, allerdings fuhren wir dieses Mal nicht alleine. Am späten Nachmittag des ersten Tages, trafen wir auf Kirsty und Marcus, aus England. Die beiden Reisen auf einem Tandem und hatten zu diesem Zeitpunkt bereits über 20.000km in den Beinen. Wir sind ganze zwei Wochen mit ihnen zusammen geblieben, was wir beide sehr genossen. So konnten wir die vielen Eindrücke untereinander Teilen und uns über viele Dinge austauschen. Für uns war das Zusammentreffen von sehr großer Bedeutung, wie sich unterwegs herausstellen sollte. Bei einem Frühstück kamen wir zufällig auf die Grenzüberquerung über die indisch-burmesische Grenze zu sprechen. Wir hatten einen Grenzübergang viel weiter im Norden von Nagaland im Kopf, wohingegen die offizielle Grenze in Manipur liegt. Wir wären also an eine völlig falsche Grenze gefahren, aber glücklicherweise wiesen sie uns den richtigen Weg.

Die Tage in Nepal waren jedenfalls gezählt. Nachdem wir den Khaniyakharka Pass überquert hatten ging es zurück in die Ebene, eine Gegend, die uns allen mehr indisch als nepalesisch vorkam. Lediglich Schilder machten uns hin und wieder klar, dass wir noch in Nepal sind. Die Gesichter hatten sich stark verändert und das Leben auf der Straße war exakt wie in Indien. Der Westen Nepals war im Vergleich dazu deutlich ruhiger, ländlicher und viel sauberer.
Der Khaniyakharka Pass war nochmal ein tolles Erlebnis. Die Japaner haben eine wirklich tolle Straße in den Berg gemeißelt. Unzählige Serpentinen brachten uns auf knapp 1400m und die Abfahrt war nicht weniger beeindrucken. Man fuhr quasi an einem Kegel hinab. Die Straße wirkte wie eine riesige Schlange, die diesen Kegel in ihrem Griff hielt. Gänzlich rollen lassen konnten wir die Räder leider nicht, denn hin und wieder bremsten uns Bremshügel aus, welche oft nicht markiert waren und so für die Eine oder Andere Flugstunde sorgten.
Nach insgesamt vier Tage waren wir zurück in Indien, wo wir ein letztes Mal in einem Tempel schliefen, bevor nur noch Unterbringen in katholischen Schulen folgten. Von Panitanki machten wir vier uns zunächst auf den Weg nach Jaigaon, an der bhutanischen Grenze. Wir fuhren durch den Dschungel, vorbei an Teeplantagen und sahen unseren ersten wilden, jungen Elefanten, der 100m von der Straße im Unterholz aß. Später in Assam bekamen wir nochmals einen Elefanten zu Gesicht, allerdings war es ein Arbeitstier und wurde von einem Inder auf der Straße geritten.
Schließlich erreichten wir Jaigaon. Wir versuchten auf der bhutanischen Seite zu schlafen, allerdings wurde es uns dann doch verweigert, sodass wir in der Nacht wieder zurück auf die indische Seite mussten. In Bhutan war es viel ruhiger und aufgeräumter, einfach ein sehr schöner Ort. Eine Hand voll Pfadfinder die wir zufällig getroffen hatten, führten uns am Nachmittag etwas herum und zeigten uns eins der zwei Klöster in Phuentsholing. Wir spielten Fußball mit den jungen Mönchen und gingen anschließend gemeinsam etwas Essen. Die ganze Stadt war gerade mit den Vorbereitungen für die große Geburtstagsfeier des 4. Königs beschäftigt. Überall hingen Poster vom König und die Flagge Bhutans aus. Bis zum 11.11. konnten wir allerdings nicht warten und brachen stattdessen am 09.11. wieder auf.

Zunächst ging es nach Bongaigaong. Wir passierten den Westen Assams, der Teil, der uns etwas an Südost Asiens erinnerte. Eine vierspurige Bundesstraße leitete durch eine absolut einsame Gegend. Viel mehr als Reisfelder und Flüsse, welche von kleinen, schmalen Fischerbooten befahren wurden, gab es nicht. Ein absolut einfaches und ländliches Leben zeigte sich uns, was sich umso mehr änderte je näher wir an Barobisha heran kamen. In der Kleinstadt hatten wir einen richtigen Glücksgriff mit der Unterkunft. Wir durften in der Seventh-Day Adventist English School übernachten. Wir wurden sehr umsorgt und bekamen mehr als ausreichend zu Essen. Am Abend fragten uns der Schulleiter, ob wir am Morgen nicht eine kleine Präsentation geben könnten. Dieser bitten kamen wir selbstverständlich nach. Die Kinder hatten sich zu einer kurzen Morgenansprache auf dem Schulhof versammelt, bevor sie in die Kirche geleitet wurden, wo wir vier von unserer Reise berichteten und einige Bilder zeigten. Zurück auf dem Schulhof, versuchten sich ein paar Lehrer an unseren Rädern, der Schulleiter wollte zudem mit Marcus auf das Tandem. Die Kinder rannten ihnen hinterher und waren von allem hell auf begeistert. Es war wirklich schön zu sehen, wie leicht man ihnen eine Freude machen konnten und uns hatte es ebenfalls Spaß gemacht.

Da der gesamte Nordosten Indiens von vielen Christen besiedelt ist, die Missionare im frühen 20. Jahrhundert haben hier gute Arbeit geleistet, fanden wir stets nette Priester die uns für eine Nacht aufnahmen. Nicht nur bekamen wir zumeist eine luxuriöse Unterkunft, wir haben auch so viel mehr über diesen Teil Indiens und seine Menschen erfahren, was uns andernfalls vermutlich verschlossen geblieben wäre. In diesem Teil Indiens herrscht eine immense Vielfalt. Allein in dieser Region gibt es 424 Stämme, die alle ihre eigene Sprache besitzen. Ein „Namaste“ sorgte hier für keinerlei Reaktion. Fast jeden Tag hätten wir ein anderes Wort zur Begrüßung lernen können, aber mit „Khublei“ sind wir eine Weile hingekommen.
Wie verließen die riesige Flussebene um den Brahmaputra endgültig bei Guwahati und fuhren erneut in die Berge, um genauer zu sein, ins „Scottland of the East“, Shillong. Die Stadt in den Bergen war die damalige Hauptstadt Assams und die Sommerresidenz der Briten, als Kalkutta noch die Hauptstadt Indiens war. Assam wurde erst nach der Kolonialzeit in die heutigen Provinzen unterteilt. Das sie gerade Shillong als Hauptstadt auswählten können wir gut verstehen. Auf 1500m ist das Klima deutlich angenehmer und der Blick über die Berggipfel ist wunderschön.

Wir nutzten Shillong als Ausgangspunkt für einen Tagesausflug nach Cherrapunji, oder Sohra, wie es die Einheimischen nennen. Sohra liegt auf einer Hochebene, von welcher aus man einen nördlichen Teil von Bangladesh überblicken kann, vorausgesetzt es ist klar. In der Nähe von Sohra liegt der Ort mit der höchsten Menge an Regen pro Jahr, auf der ganzen Welt. Nur gut, dass es dort auch eine Trockenzeit gibt. Wir wanderten in den Canyon hinab und schauten uns die 200-300 Jahre alten Baumbrücken an. Die Wurzeln der Bäume wurden so kultiviert, dass sie eine ca. 30m lange Brücke bilden. Neben zwei „normalen“ Baumbrücken gibt es noch eine Doppeldeckerbrücke, die einzige auf der Welt. Nachdem wir diese gesehen hatten, wanderten wir zu einem Badesee innerhalb des Flusses, wo wir uns im türkisfarbenen Nass erfrischten. Zurück nahmen wir einen anderen Weg, wie sich herausstellte, den längeren. Es ging auf mehr als 3.000 Stufen wieder zurück zur Hochebene und benötigten allein für den Aufstieg über 90 Minuten. Als wir oben waren brach bereits die Dunkelheit über uns herein. Glücklicherweise war der nächste kleine Ort nur 5min entfernt. Völlig erledigt liefen die Softdrinks nur so die Rachen hinunter, gefolgt von Schokolade. Wir bekamen zum Glück noch ein Taxi zurück nach Shillong. Am nächsten Tag waren wir so erschöpft und von Muskelkater geplagt, dass wir einen weiteren, richtigen Ruhetag einlegten.
Der Tag der Abreise sollte gleichzeitig der letzte gemeinsame Tag mit Kirsty und Marcus werden. Wir schafften es nach Raliang, einem kleinen Ort abseits der viel befahrenen Bundesstraße nach Silchar, wo wir erstmals in einer Polizeistation übernachteten. Es war keine Gefängniszelle, wir bekamen einen großen Raum, wo wir unsere Räder abstellen konnten und unsere Matratzen ausbreiteten. Da es in der Polizeistation selbst kein Wasser gab, durften wir uns im Haus eines jungen Polizisten duschen. Seine Wohnung war wirklich einfach, ein Schlafzimmer, eine Küche indem ein Gas- und Reiskocher stand, sowie ein 1,5m² kleines Bad. Mit Warmwasser braucht man da natürlich nicht rechnen, so wurde die Dusche recht erfrischend.

Da sich Marcus eine Infektion zugezogen hatte und das Radfahren es nicht gerade besser machte, entschlossen sich die beiden ein, zwei Tage Ruhe einzulegen. Wir fuhren noch gemeinsam bis zur Frühstückspause, bevor sich unsere Wege trennten. Für uns ging es auf allerbester Schotterpiste nach Lanka. So wunderschön die Straße bis Raliang noch war, so grausam wurde sie nur wenige Kilometer später. Wir dachten eigentlich den Pamir hinter uns gelassen zu haben, so dreckig waren wir noch nie. Nach 80km hatte sich eine schöne Staubkruste auf der Haut und Kleidung gebildet, nur komisch, dass dies die Menschen nicht abschreckte mit uns Selfies zu machen, denn gut sahen wir gewiss nicht mehr aus. In Lanka, endlich wieder Asphalt unter den Rädern, konnten wir leider nicht bleiben. Stattdessen wurde wir zu einer, angeblich 15km entfernten katholischen Schule geschickt. Aus 15 wurden letztlich 22km und die Sonne war längst verschwunden als wir ankamen. Mit Hilfe der Dorfbewohner fanden wir die Schule, in der wir ein Zimmer bekamen. Wirklich erstaunlich war allerdings, wie der „Buschfunk“ in den Dörfern funktionierte. Wir kamen in einen neuen Ort und irgendwoher wussten die meisten bereits, dass wir aus Deutschland kommen, obwohl wir mit niemanden gesprochen hatten. Die Familie eines ehemaligen Schülers der Schule bestand darauf, dass wir zum Abendessen kommen. Dies taten wir gerne, nachdem wir den Dreck von uns gewaschen hatten. Zum Essen war dann nicht nur die Familie anwesend, sondern auch einige Nachbarn. Wie sich herausstellte wurde der Vater, der Politiker des Dorfes ist, bereits telefonisch informiert, dass zwei Radfahrer aus Deutschland auf dem Weg zu ihm ins Dorf sind. Das war noch bevor wir die Schule erreichten...
So nahmen wir ein köstliches Abendessen ein, während die Familie uns zuschaute und Neugierige von draußen hereinblickten. Nebenbei lief der Fernseher, auf dem National Geographic lief. Einige Nachbarn warteten nur darauf, dass wir mit dem Essen fertig wurden und sie etwas Fernsehen gucken konnten. Gelegentlich schaute auch ein kleines Lamm herein, „irgendwas muss es ja geben, wenn so viele Leute im Haus sind“. Zum Frühstück sollten wir dann nochmals erscheinen und dieses Mal war fast das halbe Dorf anwesend. Es wurden so viele Fotos gemacht, man kam sich vor wie bei einem Foto-Shooting.
So konnten wir eine Familie des Garo-Stammes etwas kennenlernen und die Strohhäuser, welche mit Lehm verputzt werden, von Innen betrachten. Der Sohn zeigte uns anschließend die Abkürzung zur Hauptstraße, welche uns nach Dimapur bringen sollte. Ein letztes Mal ging es über kleine Feld- und Sandwege. Die Straße war deutlich besser, aber hatte etliche Schlaglöcher, dennoch immer noch besser als die vom Vortag. Mit Dimapur hatten wir Nagaland erreicht. Es war das erste Mal, dass wir von der Polizei an einem Kontrollpunkt angehalten wurden und unsere Daten aufgenommen wurden. Die Militärpräsenz hier ist deutlich stärker, was wohl daran liegen muss, dass Nagaland eigenständig werden möchte. Im Dezember soll eine Entscheidung fallen. Jedenfalls wurden wir in der Don Bosco Schule herzlich von Vater Georg empfangen. Ein sehr interessanter Zeitgenosse, der ein wandelndes Geschichtsbuch ist. Neben ihm leben der Schulrektor, Vater Joshua und Vater Sunny, der sich um soziale Projekte und die Ausbildung von Schulabbrechern kümmert, in der Unterkunft. Uns wurden viele Einblicke gewährt und wir sind wirklich dankbar, dass wir immer wieder so herzlich aufgenommen und versorgt wurden; luxuriöses Reisen.
Höhenprofil: Kathmandu - Dimapur 

1443.6 km, 15d 07:01:47