Das kühle und verregnete Ende einer langen Reise

So wie uns Vietnam verabschiedete, so begrüßte uns China. Unsere letzte Station auf der Reise sollte nicht nur kühl und grau werden, sondern auch kürzer als wir ursprünglich gedacht hätten. Auf dem Plan standen die letzten 3200km. Es war schön mal keinen Bus nehmen zu müssen, um die  chinesische Grenze zu überqueren, wie es zu den Grenzen nach Zentralasien üblich ist. Jedoch mussten wir erneut eine flughafenähnliche Kontrolle passieren. Seit knapp zwei Wochen hatten wir keine Sonne mehr gesehen und so sollte es erstmal bleiben.

Die ersten Kilometer in China konnten wir noch auf einem Highway fahren, bevor wir auf eine der vielen größeren Bundesstraßen ausweichen mussten. Die G322 führte uns durch ein China, welches wir noch nicht kannt. Große Städte waren auf den ersten 250km fehlanzeige. Es ging von einem Dorf ins nächste, ein wirklich einfaches Leben bestreiteten die Menschen dort und waren sehr überrascht unsere Gesichter zu sehen. Offensichtlich kommen nicht so viele westliche Touristen in diese Gegend.  So wurden wir meißt nur beim Essen beäugt, "Die können mit Stäbchen essen..." oder "was hat der denn für eine lange Nase?!" müssen sie sich des Öfteren gedacht haben.
Generell wurden wir in China anders wahrgenommen als in vielen anderen Ländern zuvor. Wenn wir zu zweit auftauchten, schienen die meißten zu schüchtern zu sein uns anzusprechen. Nur selten wurden wir angesprochen und die Menschen waren nüchtern erstaunt, wenn wir ihnen erzählten von wo wir herkamen.
Wir fuhren an diesem Tag bis in den Sonnenuntergang hinein und hielten in einem kleinen Dorf, wo wir den Tipp bekamen, an der Schule nach einem Nachtplatz zu fragen. Dies taten wir und hatten nach etwas hin und her Glück. Wir konnten in einer unfertigen Wohnung schlafen und bekamen  von den Lehrern Essen. Da an diesem Tag ein Schüler Geburtstag hatte, fiel sogar ein Stückchen Kuchen zum Nachtisch ab. Lehrer scheinen in China nicht so viel zu verdienen, da die Wohnungen aus zwei kleinen Zimmern und einem kleinen Bad bestanden. Einrichtungsgenstände, bis auf einem Esstisch, ein paar Stühlen, einer Vitrine und einem Bett gab es keine. Eine Heizung wird auch nicht für nötig empfunden, stattdessen zieht man sich auch in der Wohnung warm an.
Diese Wohnverhältnisse änderten sich im Laufe der Zeit nicht wirklich. Am zweiten Tag erreichten wir schließlich Nanning, eine Stadt für dessen Durchquerung des Stadtzentrums wir über eine Stunde brauchten. Für chinesische Verhältnisse allerdings nicht mehr als eine Kleinstadt. Wir fuhren weiter, ließen den Industrie-Gürtel hinter uns und fuhren in eine bewaldete Hügellandschaft hinein. Die Ortschaften wurden immer spärlicher und kleiner. Glücklicherweise fanden wir noch gerade rechtzeitig vor der Dunkelheit eine Absteige, welche nicht mehr als ein Loch war, aber es gab warmes Wasser vom Ofen! In diesen Tagen sind nicht nur die Nächte sind immer kälter geworden, auch die Tage wurden zusehends kühler und kühler. Da es nirgens Heizungen gab oder mal jemand daran dachte die Tür zu schließen, hatten wir kaum eine Möglichkeit uns aufzuwärmen. Zu allem übel fing es in der Nacht an zu regnen, und es hörte und hörte nicht auf. Selbstverständlich blieb man in den Regensachen nicht trocken, dafür schwitz man einfach zu viel. Bereits nach einer Stunde waren wir richtig durchgefroren. Die Mittagspause machte es auch nicht besser. Wir mussten uns erstmal was trockenes anziehen, um nicht gänzlich auszukühlen. Gestärkt, aber bibbernd ging es zurück in den Regen.
Gerade an diesem Tag durchquerten wir eine landschaftlich sehr schöne Gegend, nur bekamen wir davon nicht sehr viel zu sehen. Die Wolken hingen so tief, dass die Karstberge von ihnen verborgen wurden bzw. in der Ferne, im Nebel und Regen verschwanden. Bis Liuzhou wagten wir es nicht mehr. Nach 170km wurde es bereits dunkel und wir brauchten dringend einen trockenen Schlafplatz. Ein Chinese war so freundlich und zu helfen. Ein "Hotel" gab es, warm Wasser für die Dusche bekamen wir über einen Tauchsieder und die Klimaanlage im Zimmer ging natürlich nicht. Die Häuser sind wirklich schrecklich gebaut, denn selbst die Bettwäsche war völlig klamm/feucht, so konnte auch nichts über Nacht trockenen.
Da der Regen weiterhin anhielt fuhren wir am nächsten Tag nur bis Liuzhou, suchten uns ein Hotel und verbrachten Silvester dort. Es wurde das ruhigste Silvester, welches wir je erlebt hatten! Am frühen Abend füllte sich die Fußgängerzone, aber eben nur am frühen Abend. Gegen Mitternacht waren kaum noch Menschen auf der Straße. Viele ließen Ballons in die Luft steigen, mit Wünschen, welche draufgeschrieben wurden, geknallt wurde dafür gar nicht. Zwei entfernte kleinere Feuerwerke waren alles was wir vernehmen konnten. Da hatten wir beide von China deutlich mehr erwartet.

Immer noch auf der G322 fuhren wir am 02.01.2016 weiter in Richtung Guilin. In Yongfu wollten wir abermals an einer Schule übernachten, jedoch führte uns der Mandarin Lehrer zu einem Hotel. Er meinte dort sei es doch viel komfortabler als in der Schule. Bei der Einladung ins Hotel sollte es jedoch nicht beiben, denn er ist nicht nur Lehrer, er besitzt auch noch ein Restaurant, wo er uns später zum Essen einlud. Es war schön sich wieder mal auf Englisch unterhalten zu können, denn selbst die jungen Leute sprechen kein Wort Englisch. Er zeigt uns anschließend die Schule und wir beantworteten einige der vielen Fragen einer Schulklasse. Wir hatten einen schönen Abend in der Stadt des ewigen Glücks (Yongfu).
Ausgeruht ging es am Sonntag weiter nach Guilin. Da Björn bereits auf den ersten 20-30km Knieschmerzen bekam, die immer stärker wurden, entschieden wir uns, ein paar Ruhetage einzulegen. Wir besuchten den Elephant Trunk Hill, die Mond und Sonnen Pagoden, sowie das Guilin Theater, in dem es eine kulturelle Vorstellung, bstehend aus Tanz, Gesang und Akrobatik zu sehen gab.
Fünf entspannte Tage halfen dem Knie leider nicht, denn als wir an einem Regentag weiterfuhren ging es nach wenigen Kilometern gleich wieder los. Es sollte ein schwarzer Tag für uns werden. Wir fuhren in ein Krankenhaus, sodass ein Arzt einen Blick auf Björn's Knie werfen konnte. Wie vermutet, konnte er nicht viel machen. Er gab eine Packung Schmerztabletten mit und verschrieb eine Woche Ruhe. Da wir nicht eine weitere Woche in Guilin bleiben wollten, entschlossen wir uns einen Bus nach Huang Shan zu nehmen. Auf dem Weg zum Bahnhof stürzte Jens und prellte sich den Arm. Die Straße bestand an dieser Stelle aus Granitplatten, welche durch den Regen etwas rutschig waren. Bevor wir in den Bus stiegen, wurde uns gesagt, dass es keine direkte Busverbindung gibt und wir erst nach Wuhan fahren müssen. Neun Stunden später wurden wir 30km vom Zentrum, um 2 Uhr am Morgen bei 4°C an einer kleinen Autobahnraststätte rausgeschmissen. Nur gut, dass wir unsere Räder haben, so kamen wir von dort in die Stadt.

Nach zwei Tagen Zwischenstopp ging es mit dem Bus weiter nach Huang Shan. Dieser absolut touristische Ort ist der in der Nebensaisson ziemlich ausgestorben. Zumindest bekamen wir so ein Zimmer zu einem akzeptabelen Preis. Wir schauten uns zunächst die Stadt etwas an, in der es allerdings nicht viel zu sehen gibt, zumindest ist sie in der Nacht schön beleuchtet, gerade entlang des Flusses. Die wirkliche Attration sind die gelben Berge, eine Autostunde nördlich. Die meißte Zeit im Jahr hängen Wolken in den Bergen, weshalb einem eine freie und klare Sicht oft verwehrt bleibt. Wir sollten allerdings Glück haben. Es war eine kühle Nacht und ein wunderbar sonniger Morgen am Huang Shan selber. Wir nahmen den östlichen Aufstieg von Tangxi. Was wir sahen, war beeindruckend und wunderschön, wie man es sich von den chinesichen Zeichnungen vorgestellt hat. Die Wanderwege sind wunderbar ausgebaut, zudem gibt es für die Fußfaulen jeweils eine Gondel auf der Ost- und Westseite der Berge, die einen auf ca. 1400m hinauf bringt. Viele bleiben für eine Nacht oben, um den Sonnenuntergang und -aufgang zu beobachten. Die Wetterlage war jedoch nicht stabil genug, bereits zum Mittag zogen Wolken rein und versperrten die Sicht. Wir waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Rückweg, da wir bereits alles abgelaufen sind. Der Abstieg zog sich ziemlich in die Länge und wir waren ganz schön kaputt, als wir wieder unten ankamen. Am darauffolgenden Morgen hatten wir beide extremen Muskelkater in den Waden und hatten teils Schwierigkeiten zu laufen. Es brauchte ein Paar Tage um sich zu lösen.
Björns Knie wollte patu nicht besser werden, weshalb Jens am 19.01. alleine aufs Rad stieg und die letzten 1300km nach Peking in Angriff nahm.

Die Straße führte gen Norden und so musste Jens nochmal durch die gelben Berge. Nach einem guten Mittagessen, hat sich seine Kette auf der Straße lang gemacht. Durch die gerissene Kette sollte er jedoch Alec, ein englisch Lehrer der selbst sehr viel Rad fährt, kennenlernen. Er begleitete Jens für zwei Stunden, bevor er wieder umdrehte. Kurz vor Sonnenuntergang fand Jens ein einfaches Zimmer in Jingxian. Die Sprachebarriere stellte kaum ein Problem dar. Am nächsten Tag ging es durch Wuhu und einem riesigen Stadtgebiet nach Ma'anshan . Zum Abend hin begann es stark zu schneien und am Morgen war alles unter einer 5cm dicken Schneedecke bedeckt. Einen Winterdienst gibt es nicht, aber es hatte 1°C und somit taute es. Als Jens das 40km entfernte Nanjing erreichte, lag bereits kein Schnee mehr, da es dort erst garnicht geschneit hatte. Die Stadtdurchfahrt war anstrengend, da es fast den ganzen Tag in Anspruch nahm. Begonnen hatte es eigentlich bereits vor Wuhu und erst 60km hinter Nanjing verließ er die Metropolregion. Nach harter Verhandlung fand er in Chajianzhen ein günstiges Zimmer. Da der Sohn, Little Wang, englisch Sprach war dies erst möglich. Letztlich wurde er zum Essen eingeladen, da es für die chinesen Brauch ist, besondere Gäste zu bewirten. Die immer kälter werdenden Temperaturen und der kontinuierliche Gegenwind machten Jens sehr zu schaffen und führten letztlich dazu, dass auch seine Knie zu schmerzen begannen. In Huai'an angekommen war klar, dass auch er die Reise nicht weiter fortsetzen konnte, da er kaum noch laufen konnte.
In den folgenden Tagen sollte der kälteste Winter seit Jahrzehnten China in Griff halten. Björn war in der Zwischenzeit nach Shanghai gefahren und traf dort einen Freund aus Deutschland, den er bei seinem letzten Pekingaufenthalt kennengelernt hatte. Nach fünf Tagen hatte der Winter China wieder freigegeben, woraufhin Björn und Jens einen Bus nach Peking nahmen.

Am 29.01.2016 erreichten wir Peking und beendeten unsere Radtour ans andere Ende der Welt auf dem Tianmen-Platz. Es sind, seitdem wir das Brandenburger Tor und Berlin verlassen haben, 321 Tage vergangen und wir haben mehr als 17.000km zurückgelegt. Wir sind stolz auf das was wir gemeinsam geschafft haben. Letztlich sind wir mit dem Fahrrad von Berlin nach Peking gefahren.

Höhenprofil: Pingxiang - Peking

3555.4 km, 33d 00:46:20

Kommentare  

# GLÜCKWUNSCHAlex 2016-02-04 09:39
So ihr Lieben,
Den Beinen und Armen noch ein wenig Heilung und dann hoch die Tassen auf eure wundervolle Reise, auf die ihr uns ein schönes Stück mitgenommen habt.
Vielen lieben Dank
Alex
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# RE: GLÜCKWUNSCHBjörn & Jens 2016-02-04 10:06
Danke lieber Alex, wir haben uns immer sehr über deine Kommentare gefreut.

Allgemein, war es uns ein Vergnügen, euch ab und zu mit unseren erlebten Geschichten zu unterhalten. Wir hoffen, sie habe euch gefallen, genauso wie unsere bildlichen Eindrücke.

Grüße aus Peking,
Björn und Jens
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# Chapeau!Norbert 2016-02-13 16:13
Glückwunsch an euch beide. War eine großartige Leistung die wir hier mitverfolgen durften.
Macht ihr noch ein bisschen Urlaub oder wolltet ihr nur noch nach Hause?
Liebe Grüße
Norbert
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